Mit Kindern nach Nepal?

Berge waren mein Ziel! 1996. Meine erste Reise nach Nepal. Der Beginn einer Liebe zu einem wunderschönen Land voller traumhafter Natur, unglaublich liebenswürdiger Menschen, spannender Kulturen, ein Land, nicht einfach nur bunt, ein Land, wunderschön coloriert!
Berufliche Selbständigkeit, Familie, 4 Kinder – Nepal blieb nur ein Traum. Mit Kindern? Nepal war als „Nicht-mit-Kindern-Reiseziel“ eingestuft. Schwierige hygienische Verhältnisse, kein Eis, kein Apfel, kein Salat ist sicher genießbar, überall die ständige Gefahr von schweren Infektionen. Und überhaupt, kinderfreundliches Wandern im Himalaya? Ein Widerspruch! Oder?

2009. Der Grimmaer Verein NepalMed e.V. organisiert eine Familienmitgliederreise nach Nepal. Kindertauglich? Die Tatsache, dass in der Gruppe viele Ärzte aller Fachrichtungen dabei sind und die Reise von Nepal-Kennern organisiert wird, gibt zumindest ein Gefühl der Absicherung für den Fall der Fälle. Ich werde mit meiner ältesten Tochter (8 Jahre und 2 Monate alt) mitfahren. Wir wählen die Variante Kultur und eine Woche Trekking durch die Kali Gandaki Schlucht – wandern zwischen Dhaulagiri und Annapurna, mitten durch zwei 8000er Gipfel, die tiefste Schlucht der Welt. Die Sehnsucht zog in die Berge. Entsetzte Gesichter, keiner traute das einem Kind von 8 Jahren zu. 6 bis 8 Stunden Laufzeit pro Tag, so der Plan. Ich traute es uns schon zu. Die Reise war klassisch organisiert mit Guide und Porter, so hatten wir nur unsere Tagesrucksäcke und auf meinen Schultern war also noch ein Notplatz frei. Also nur Mut! Flüge gebucht, Impfungen durchlitten, mit Bildern eingestimmt, hygienische Restriktionen besprochen und dennoch, wird das wirklich gut sein? Kann ein Kind ein Land, wo man auf so vieles achten muss und auch so viele westliche Zivilisationsgewohnheiten mal lassen muss, spannend finden? Oder wird es nur Stress? Was, wenn es mit dem Laufen doch nicht so geht? Heimweh kommt? Infektionen sie oder mich flach legen? Die Fremde unheimlich wird? Was wird aus der Gruppe, wenn ich mit Clara aussteigen muss? Schnell wird es einen Punkt of no return geben, da wir hinter die Berge fliegen und dann zurück durchlaufen wollen. Wie wird der Guide auf die Kinder eingehen? ... Es blieben sehr viele Fragen unbeantwortet. Ich fand selbst in den Weiten des „www.“ keine Erfahrungsberichte, keine Antworten zum Thema Nepal mit Kindern.

Die ersten Tage verbringen wir im Kathmandutal. Ankommen. Lärm, Chaos, Dreck, das erste Essen – Clara ist gar nicht begeistert. Das erste Frühstück – geht gar nicht. Diese Welt ist schon sehr anders! Kritisch. Ratlos. Der erste Tag, Pashupatinath, Sadhus, mystisch anmutende Rituale am heiligen Fluss Bagmati, öffentliche Totenverbrennungen - das erscheint schon etwas spannender. Clara hat sich schnell in einer Gruppe mit weiteren Kindern zusammengefunden, und sie erleben die Fremde auf ihre ganz eigene Weise! Die anfängliche Befremdung ist schnell der Neugier gewichen. Es war für mich oft sehr interessant, von den Kindern Fragen gestellt zu bekommen zu Dingen, die wir übersehen oder zumindest nicht bewusst hinterfragt hätten. Und wenn es ihnen irgendwo zu lang wurde, wurde einfach mit Gogos gespielt. Schnell waren wir aufgrund der Kinder für die Einheimischen auch genau so interessant wie umgekehrt. An der Bodnath Stupa wurden die Kinder selbst begehrtes Fotoobjekt für buddhistische Mönche. So fühlten die Kinder, wie spannend es in Nepal sein kann. Es wird für Clara wie das Erleben der „Märchen aus Tausendundeiner Nacht“. An das Essen hatten sich dann auch alle schnell gewöhnt. Die anfänglichen Bedenken waren schnell verflogen.

Schwieriger war dann schon der Abschied von den gleichaltrigen Kindern mit Start zur Trekkingtour, ein wirklich kritischer Moment der Reise. In der Trekkinggruppe waren nur zwei ältere Mädchen, präpubertär und weitgehend ohne Interesse an einer Achtjährigen. Dieses plötzliche „Nur-mit-Papa-Alleinsein“ war ein Moment von Heimweh, Motivationsarmut, Kommunikationsumstellung.
Flug nach Pokhara. Wetterbedingt ist nichts von Bergen zu sehen, und ich bin so (!) gespannt darauf. Der Morgen danach, Frühstück auf der Dachterrasse. Wow, da sind sie ja! Die ersten Schneeberge! Sie scheinen gleich hinter den Reisfeldern aufzusteigen! Und da kommt es auch sofort, dieses Kribbeln in den Beinen, dieses „Am-liebsten-sofort-Loslaufen“ wollen! Unruhe, Vorfreude!
Wir fliegen weiter nach Jomsom. Das Alter des kleinen Fliegers hinterfragen wir lieber nicht. Die Sicht ist fantastisch und lenkt etwas vom unguten Bauchgefühl ab. Vorbei an Machapucharé und Annapurna, an einem Pass mit dem Fahrwerk fast die Rucksäcke von Treckern gestriffen – aus welchem Grund auch immer, der Puls bleibt hoch!

Jomsom - ein wunderbares Gefühl, nach 9 Jahren wieder mitten in „richtigen“ Bergen sein zu können. Links steigt steil der Nilgiri (7061 m) auf, zur rechten Tukuche Peak (6920 m). Lakpa Sherpa, unser Guide, verhandelt mit den Portern, so bleibt noch ein wenig Zeit zum Umsehen. Während wir Großen versuchen, die umliegenden Berge zu identifizieren, entdecken die Kinder andere Dinge, Holzwerkzeuge, bunte Bohnen zum Trocknen, Dinge, die ich wohl übersehen hätte. Und genau dieses sollte mich in den nächsten Tagen noch öfters überraschen! Es gibt nicht nur diese fantastischen und hohen Berge. In der Blickhöhe der Kinder gibt es ganz viel anderes zu sehen und meistens sind diese Sachen sogar bunt und genau so spannend!
Der Weg führt nach Tukuche. Die Blicke auf die Berge der Annapurna zur Linken und des Dhaulagiri zur Rechten sind gigantisch und wechseln mit jedem querenden Seitental. Das eher steppenartig trockene Tal, welches wir durchlaufen, ist ein extremer Kontrast dazu. Die Menschen in den Dörfern verschwinden oft, wenn sie Touristen mit Fotoapparaten kommen sehen. Anders die Kinder. Die drei Mädchen unserer Gruppe scheinen etwas Spannendes für die Kinder vor Ort zu haben. Egal wo wir hinkommen, sie sind neugierig. Ob es die ersten Kinder einer anderen Welt sind, die sie in ihrem Leben sehen? Oder nur die ersten Kinder, die keine schwarzen Haare haben? Oder einfach nur Neugier? Ein gewisser Stolz ist ihnen spätestens dann anzumerken, wenn sie auf ein gemeinsames Bild mit unseren Kindern kommen. Es gibt jeden Nachmittag aufs Neue interessante Abwechslung in allen Orten. Einmal finde ich Clara auf der gegenüberliegenden Flussseite, mit den einheimischen Kindern hängt sie an meterlangen Baumwurzeln und schaukelt über dem Abgrund. Na ja, ein bisschen Vertrauen in den guten Ausgang ist bei solch einer Tour hin und wieder also auch vonnöten.

Am Vormittag und Nachmittag laufen wir jeweils ca. 3 Stunden mit einer ausgiebigen Mittagsrast. Da immer wer irgendwo etwas Interessantes zu entdecken hat und meine Fotoleidenschaft hin und wieder Zeit braucht, sind also auch zwischendurch genug kleinere und größere Pausen. Lakpa wartet geduldig und drängelt nie. Seine Gelassenheit ist beeindruckend, aber auch typisch nepalesisch. Nur am dritten Tag achtete er auf nicht zu lange Pausen. Unser Ziel ist Tatopani, nicht weiter weg als die anderen Tage, nicht mehr Höhen und Tiefen als bisher, das Wetter sah sicher aus, was war wohl der Grund? Mehr als ein verstecktes Lächeln bekamen wir nicht aus ihm heraus. „Welcome to Tatopani – enjoy hot springs“ – so war dann überraschend zu lesen. Und wirklich, den Nachmittag verbrachten wir in wohltuendem Wechselbad zwischen Bädern aus heißen Quellen und eiskaltem Flusswasser. Es war so schön, dass Clara bei allen Touren in den folgenden Jahren immer wieder den Wusch hatte, wenn wir doch einmal wieder durch Tatopani kommen würden. Hinterher auf der Dachterrasse der Lodge sitzen, körperlich gereinigt, die Kulisse von Reisfeldern, Regenwald und schneebedeckten Bergen sowie die köstliche nepalische Küche genießen – das Paradies hat einen Namen! Ich war in den letzten Tagen auch sehr locker geworden, wusste, die Kinder laufen das Programm gut mit und spannend ist es für sie auch.

Der nächste Tag, 8 Stunden Laufzeit und die Übernachtung 1000 m höher, da war ich nicht ganz so locker. Wird Clara das schaffen? Das Wetter war fantastisch, die Sicht den ganzen Tag über gigantisch. Mit jedem gestiegenen Höhenmeter durch Wälder und Felder, direkt gegenüber der Dhaulagiri, wurde die Sicht freier und weiter. Getrockneter roter Paprika, grüne Erbsen, am Wegesrand wurde es immer bunter. Die Wälder wandelten sich vom beeindruckend hohen grünen Bambuswald zum eher braun wirkenden Rhododendronwald. Dennoch ein harter Anstieg. Am Ziel waren wir beide zwar nicht die Ersten, aber mit maximal 3 Minuten Schultersitz ganz glücklich, es geschafft zu haben. Auch Clara war der Stolz und die Erleichterung durch eine extrem ausgelassene Stimmung mehr als deutlich anzumerken. Der Abend belohnte uns mit einer einmaligen Lichtstimmung, Sonnenuntergang in Augenhöhe des Dhaulagiri. Für dieses Gefühl gibt es keine Worte. Clara freute sich auf ihr Essen: Hühnchen. Als es vor ihr auf den Tisch gestellt wurde, hat sie es noch begeistert wahrgenommen. Vor dem zweiten Biss war sie eingeschlafen.

Am nächsten Morgen war zeitiges Aufstehen angesagt, wir wollten zum Sonnenaufgang auf Poon Hill (3210 m) sein. Clara war inzwischen so begeistert, wollte unbedingt mit. Es war eisig kalt und dunkel. Der Aufstiegsweg war eine reine Menschenkette, ein nicht ganz ungetrübtes Vergnügen. Ach wenn der Blick von Poon Hill über den Dhaulagiri, die Kali Gandaki Schlucht, das Annapurnamassiv, Machapucharé und weit entlang der Himalayakette reicht, das Aufwecken der Gipfel durch die ersten Sonnenstrahlen fantastisch ist und der ganze Ort sicher einer der schönsten Aussichtsplätze dieser Welt ist (!), der Gipfel ist der volle touristische Witz. Ein Aussichtsturm trotz freier Sicht – 10 m höher könnte man ja noch besser sehen. Die Menschen, ich habe sie nicht gezählt, 200, 300, ...? Zum Frühstück waren wir wieder in der Lodge zurück und die ersten Sonnenstrahlen erlösten mein angefrorenes Kind. Die Temperaturunterschiede sind schon sehr krass.

Die nächsten Tage führte uns der Weg durch immer grüner werdende Landschaft wieder hinab. Die Wälder wurden fast dschungelartig. Überall tauchten Reisfelder auf, durch deren Terrassen sich der Weg malerisch wand.
Diese zwei Wochen haben Clara so stark geprägt und begeistert, dass sie mich seitdem nicht mehr allein nach Nepal reisen lässt. Und mit Kindern hatten wir jeden Tag viel mehr und viel leichter Kontakte zu den Menschen in Nepal, als ich es als Erwachsener kannte. Ein Grund, der mir sehr wichtig ist, da ich nicht nur „Nepal gemacht haben will“, sondern Land und Menschen viel lieber wirklich erleben will, Kontakte will. Mit Kindern nach Nepal? Ja!!!
Ein paar Erfahrungen sind aber schon wichtig, z.B., dass Kinder gleichaltrige Erlebnis- und Kommunikationspartner haben. Das Austauschen auf gleicher Ebene, das Spiel „Ich sehe was, siehst du das auch?“ - das ist wirklich wichtig. Auch Kälte ist etwas, was Grenzen für solche Touren mit Kindern setzt. Eine Erfahrung, die uns auch in folgenden Reisen hin und wieder Limitationen setzte.
2010 besuchten wir das Langtangtal. Den 5000er Gipfel hat Clara wegen Problemen mit der Höhenanpassung ausgelassen. Den folgenden Pass über 4900 m hat sie mühelos geschafft.
2015 waren wir im Frühjahr in Nepal und 10 Tage vor dem großen Erdbeben zurück. Mit Clara (dann 13 Jahre alt) und Lea (11 Jahre) hatten wir zum Ziel, wieder einen 5000er zu besteigen, wollten im Everest Basislager stehen und zum Schluss einen 6000er besteigen.
Mit Kindern auf einen 6000er?
Demnächst gibt es eine Antwort darauf, auch darauf, was man tun kann, um sich auf solch eine Tour schon zu Hause etwas vorzubereiten.
Die beste Hilfe für die Menschen in Nepal ist, dass wir kommen!
Interessenten, die gern einmal mitreisen wollen oder Informationen möchten, können mich gern unter  kontaktieren

 

Bitte klicken Sie auf die Bilder um sich diese größer anzuschauen.

Bilder - Kali Gandaki

 

Bilder -  Kathmandu Valley

 


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