Mit Kindern zum Everest Basecamp und auf einen 6000er!
Stolpersteine?

2009 - meine zweite Reise nach Nepal, die erste mit meiner Tochter Clara Sophie (8 Jahre). Ein Wagnis? Nepal mit Kindern, siehe Mitteilungsheft 1-2016.
2010 - wieder Nepal. Für Clara Sophie ein Must-have! Langtang-Tal. Der Gipfel: Tsergo Ri 4982 m. Mit Kind von 9 Jahren? ...
2015. Vielleicht neue Höhen? Einen 6000er? Neben Clara Sophie (14 Jahre) will ihre Schwester Lea (12 Jahre) mit nach Nepal. Lea wandert nicht gern, sie klettert jeden Freitag mit mir in der Klettergruppe Brandis, jetzt Klettergruppe Muldental. Wenn schon Himalaja, dann doch dort wenigstens mal richtig klettern! Aus allen Überlegungen wuchs eine Idee: 6000 m. Mit Kindern - größenwahnsinnig oder machbar?
Mein Freund Lakpa Sherpa in Kathmandu empfiehlt Island Peak, 6189 m.

Mit Kindern auf einen 6000er? Hat das schon jemand gemacht? Wo bekomme ich Informationen? Die Antwort ist die gleiche wie bei meiner ersten Reise mit Kindern nach Nepal. Ich fand selbst in den Weiten des „www“ keine Erfahrungsberichte, keine Antworten.
Wie kommen Kinder mit der Adaptation an diese Höhen klar? Von dem ausgewiesenen und erfahrenen Höhenmediziner Dr. Ludger Mende bekomme ich wenigstens folgende Antwort: „Es gibt keine Untersuchungen dazu. Vermutlich ist es genau so, wie mit Erwachsenen, die individuelle Veranlagung und das Training entscheiden über die Adaptationsfähigkeit, theoretisch.“ Praktische Erfahrungen mit Kindern: „Nein“.

Die eigenen Erfahrungen: 2010 sind wir innerhalb von vier Tagen auf fast 4000 m gestiegen. Am 3. Tag (3480 m) hatte Clara Sophie abends leichte Symptome einer Höhenkrankheit. Die Nacht und der nächste Morgen waren unauffällig, aber der folgende Anstieg nach Kyangjin Gompa (3850 m) ging etwas langsamer und hat Clara vorerst die letzte Kraft gekostet. Den Aufstieg zum Tsergo Ri (4984 m) hat sie deswegen auch ausgelassen. Diese Probleme hat sie aber auch mit einigen Erwachsenen unserer Gruppe geteilt. Am Abend ihres Ruhetages waren Kraft und Laune in gewohnter Stärke zurück. Wenige Tage später, beim Überqueren des Laurebina La (4609 m), hatte sie keinerlei Probleme. Laune und Kraft reichten sogar für eine Schneeballschlacht beim Laufen.
Diesmal wollten wir aber auf 6189m. Und mit Lea hatte ich noch keine Erfahrung mit großen Höhen. Da unsere Akklimatisationszeit nicht unendlich war und ich auf Nummer sicher gehen wollte, organisierte ich ein Höhentraining. Mit Zelt und Höhenluftgenerator schliefen wir die 2 Wochen vor der Abreise in simulierten Höhen bis 4600 m. Der Akklimatisationsvorteil auf der gesamten Tour war dann überzeugend! Trotz ambitionierten Aufstiegs litt keiner von uns unter der Höhe.
Wie viel Kälte verkraften Kinder? Kinder frieren deutlich eher als Erwachsene. Übernachtung im Island Peak – Basecamp, ca. 5000 m Höhe, im Zelt! Wenn die Kälte nachts zu stark wird, gibt es keine Möglichkeit für ein Feuer, keine Chance für einen Abstieg, keine Hütte. Danach der Aufstieg – Start 02:00 Uhr in der Nacht. Welche Temperaturen werden uns erwarten? Mit Sicherheit eisige Höhen! 1996 war ich das erste Mal in Nepal. Es war das Jahr der Tragödie, beschrieben von Jon Krakauer „In eisige Höhen“. Nicht immer sind wir Menschen in der Lage, den Punkt für das rechtzeitige Zurück konsequent wahrzunehmen. Und mit Kindern ist es mehr als nur Verantwortung für sich selbst.
Wie viel Ausrüstung brauchen wir also? Das Einzige, was ich dazu im www fand, war ein Chat über die Dicke der Isomatte für das Basecamp, und ob zwei nicht besser wären als eine. Ich fand einfach keine Infos zum Thema Höhe und Kälte mit Kindern!

Ein persönlicher Grundsatz dabei ist, nicht als Expedition mit Trägern und zig Expeditionsfässern zu starten. Den Gipfel um jeden Preis zu erreichen, war nicht unser Ziel. Den Trekkingstil mit unserem Freund Lakpa als Guide sowie Trägern für unseren Gepäckrucksack wollte ich nicht sprengen. Zudem gab unser Budget für die Reise auch ein Limit vor. Den „Ausrüstungsempfehlungen“ diverser Outdooranbieter stehe ich etwas kritisch gegenüber. Meine Kinder haben bis heute keine 3-Lagen-GoreTex-Jacke, keine Hardshell-Hose, und haben dennoch Nepal mehrfach begeistert ohne Plessuren und mit dem Wunsch nach „mehr“ überstanden! Die Frage für mich ist nicht, was ist ausrüstungstechnisch machbar, sondern, was ist sinnvoll und notwendig.
Vertrauen konnte ich auf die vorhandene Erfahrung: kurze erste Baselayerschicht, die bei Kindern problemlos aus Baumwolle sein kann, und lange warme zweite Baselayerschicht als Funktionsunterwäsche, sind Standart und keine Anschaffungen nur für den Himalaja. Die Mittelschicht, bestehend aus kurzem und langem Shirt, kann, solange die Kinder nicht zu sehr schwitzen, Baumwolle sein und somit ist die Nutzung vorhandener Kleidung dafür ausreichend. Wenn man wegen des Wachstums nicht mehr jedes Jahr etwas Neues kaufen muss, ist die Umstellung auf Funktionsshirts hier aber sinnvoll, da dann auch das Schwitzen zunimmt. Softshelljacke, Daunenjacke und dünne leichte Regenjacke/Hardshelljacke sind Dinge, die für Urlaube mit Zelt, Wandern in den Alpen und Bewegung im Freien zu jeder Jahreszeit einfach da und erprobt waren. Idealerweise sollte für extreme Temperaturen alles übereinander passen. Hosen sind immer zwei im Gepäck, eine leichte dünne aus Funktionsgewebe mit abzippbaren Beinen und eine warme, winddichte Softshell- bzw. Alpinhose, die nach jedem Nass schnell wieder trocken wird. Für Regen und Schnee haben wir lediglich noch ein paar Stulpen.
Für den Kopf ist immer ein Schlauchtuch und eine warme Mütze dabei, für mich eher funktional, bei den Kindern kommt schon mal die Lieblingsmütze bis zum Everest-Basecamp.
Die Schwachpunkte der Kinder sind Hände und Füße! Dicke Daunenhandschuhe? Welch kleine Kinderhand will damit noch einen Schraubkarabiner und die Steigklemme am Fixseil bedienen? Auch sollten die Handschuhe wasserdicht sein, um im Schnee nicht feucht zu werden. Dem Volumen der Handschuhe war also ein funktionelles Limit gesetzt. Die Erfahrung mit vorhandenen Handschuhen und das Probieren vieler Handschuhe aus Onlinebestellungen gab ein ziemlich nüchternes Ergebnis. Ein wasserdichter Handschuh, der die geforderten Mindesthandlungen mit den Händen noch zuließ, war nicht wirklich dick isoliert. Wir entschieden uns für dicke Fingerhandschuhe aus stark wasserabweisendem Material.

Unlösbar schien das Schuhproblem. Für Clara (Schuhgröße 37) bekamen wir feste Wanderschuhe aus Leder mit Gore-Tex. Diese ließen sich ausreichend gegen Feuchtigkeit isolieren, hielten auch für mehrere Tage durch Schneematsch trocken, hatten eine ordentlich dimensionierte Sohle mit guter Wärmeisolation und sind ausreichend steigeisenfest. Lea hatte Schuhgröße 34. In dieser Größe sind alle Bergschuhe mit deutlich dünneren und damit weniger gut isolierenden Sohlen und Außenmaterial versehen. Mir wurde überall versprochen, dass das vorhandene Gore-Tex ausreichend wasserdicht wäre. Somit entschieden wir uns schließlich für ein nicht ganz billiges Exemplar eines führenden deutschen Herstellers. Die Schuhe bearbeiteten wir nach Empfehlung der Verkäufer reichlich mit teurem Spray. Dennoch blieb ein ungutes Gefühl. Wird das ausreichen?
Kalte Hände, nasse kalte Füße und das Wissen, dass in den Lodges Nepals wegen Mangel an Heizmaterial nicht alle Sachen immer gleich wieder trocken werden, damit würden die Motivation, unsere Ziele, ja die gesamte aufwändige Reise schnell zum Fiasko werden, das eigentliche Ziel würde womöglich in der Erfahrung „nie wieder“ enden.
Fußheizung mit batteriebetriebenen Einlegesohlen hatten wir durch Lea’s Reitunterricht im Winter schon getestet und für nicht wirklich effektiv abgehakt. Auch konnten wir im Vorfeld nicht einschätzen, wie oft wir es brauchen würden. Kiloweise Batterien mitzuschleppen, war nicht der Sinn. Irgendwo fand ich die vermutliche Lösung des Problems: Heizsohlen von The Heat Company, welche nur auf Grund einer chemischen Reaktion ausreichend Wärme für ca. 7 h erzeugen. Das gibt es auch noch als Handwärmer. Gewicht, Packmaß und Kosten passten in den Rahmen, die Wirkdauer sollte die kritische Tageszeit auch reichlich abdecken und was evtl. zu viel mitgenommen wird, findet mit Sicherheit beim nächsten Winterreiten noch Anwendung. Doch würde die versprochene Wirkung auch wirklich so funktionieren?

Es blieb nur, durch einen Test Antworten auf all diese Fragen zu finden. Also planten wir für die Winterferien einen Test in den Alpen. Wir wollten die Wildspitze im Winter besteigen. Ein örtlicher Bergführer, den ich schon von einer früheren Tour kannte, war offen für das Anliegen, wollte es mit uns versuchen. Bei Traumwetter stiegen wir über ein stark verharschtes Schneefeld auf. Doch plötzlich ein ungewohntes Geräusch, es war nicht mehr das kurze Einkratzen der Schneeschuhe ins Eis, das Kratzen hörte nicht auf und ehe ich begriffen hatte wo es herkam, rutschte mir Lea vor die Füße. Auch ich konnte mich nicht mehr halten, fiel. Lea überholte mich quasi und wir beide rutschten abwärts, bekamen relativ schnell ordentlich Geschwindigkeit. Ich versuchte Lea den Trekkingstock zu reichen, damit wir wenigstens nicht auseinanderdriften. Nach geschätzten 100 m war mir wenigstens dies gelungen. Viel Zeit blieb jetzt nicht mehr, dann waren wir an der Kante, wo es steil abging und wir das Dahinter nicht mehr kannten. Der Schnee war so hart verharscht, dass die Zacken der Schneeschuhe einfach nicht greifen wollten. Wie wir dennoch nach vielleicht 200 m zum Halten kamen, weiß ich heute nicht mehr. Der Schreck stand Lea so tief in den Gliedern, dass wir am zweiten Tag unser Vorhaben auf halbem Wege abbrechen mussten. Hände und Füße waren mit den Sohlenwärmern warm geblieben.

Nach unserer Nepaltour wussten wir, es gab zwischen Sonnenauf- und -untergang keine wirklichen Kälteprobleme mit der genannten Ausrüstung. Eisige Kälte in 5000 m Höhe nachts im Zelt, ein guter Daunenschlafsack und die genannten Sachen, sind auch für Kinder kein Problem.
Das wirkliche Problem ist die Kälte vor Sonnenaufgang. Die Fingerhandschuhe und die Heizkissen kompensierten nicht ausreichend. Erst mit geliehenen dicken Daunenhandschuhen war es erträglich. Nach der Tour wussten wir, Handschuhe sollten Fausthandschuhe als Sandwich mit wasserdichtem Außenhandschuh und warmem Innenhandschuh sein.
Vollkommen versagten Lea’s Schuhe! „Wasserdicht“ mit Gore-Tex, „für Kinderfüße designed“, „designed für das Leben draußen“ - Lea hatte häufig nasse und kalte Füße! Interessant dabei, mehrere erwachsene Frauen mit kleineren Schuhgrößen bestätigten mir, dass sie das gleiche Problem nach wie vor haben. Es scheint nicht nur für Kinder, sondern generell bei kleineren Schuhgrößen ein Defizit an stabilen hochalpinen Schuhen zu geben.
Wer Interesse an weiteren Informationen und am Ausgang der Tour hat, dem sei der Bildervortrag zum Vereinsabend des DAV, Sektion Leipzig, am 03.01.2017 „Mit Kindern nach Nepal? - Mit Kindern zum Everest Basecamp? - Mit Kindern auf einen 6000er?“ empfohlen. Interessenten, die gern einmal mitreisen wollen oder Informationen möchten, können mich gern unter  kontaktieren.

 

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Bilder - Kathmandu Valley

 

Bilder -  Khumbu

 


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